Eine Patientin, 84, sitzt mir gegenüber. Sie hat im Frühjahr die Grippeimpfung ausgelassen, weil sie sich nach der letzten Spritze zwei Tage schlapp fühlte. Im Dezember lag sie drei Wochen im Krankenhaus, Lungenentzündung, Sauerstoffzelt. Als sie entlassen wurde, sagte sie einen Satz, den ich nicht mehr loswerde: „Zwei schlechte Tage gegen drei Wochen Intensivstation – das war ein schlechter Tausch.“
Solche Sätze höre ich oft, wenn es um Impfungen für Senioren geht. Und fast immer steckt dahinter dieselbe Frage: Lohnt sich das für mich überhaupt noch in meinem Alter, oder schützt mich mein Immunsystem nicht sowieso nicht mehr richtig? Die ehrliche Antwort ist unbequem, weil sie nicht „ja“ und nicht „nein“ lautet, sondern: es kommt darauf an, und das lässt sich ziemlich genau bestimmen.
Wichtige Erkenntnisse
- Ab etwa 50 Jahren arbeitet das Immunsystem langsamer und ungenauer, aber es hört nicht auf zu arbeiten. Eine Impfung wirkt schwächer, nicht wirkungslos.
- Für die meisten Senioren ist nicht eine einzelne Impfung entscheidend, sondern die Kombination aus Grippe, COVID-19, Pneumokokken, RSV, Gürtelrose und einem Auffrischen von Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten.
- Es gibt echte Gründe, eine Impfung zu verschieben oder ganz zu lassen – extreme Gebrechlichkeit, bestimmte immunsuppressive Therapien, akute Erkrankung.
- Kosten und Erstattung unterscheiden sich stark je nach Land und Versicherung. Fragen Sie nach, bevor Sie den Termin machen.
- Der Impfpass ist kein Kinderdokument. Die meisten Lücken, die ich sehe, sind 30 Jahre alt.
Impfungen für Senioren sinnvoll oder nicht: die kurze Antwort
Sinnvoll – aber nicht alle, nicht für jeden und nicht immer zum gleichen Zeitpunkt.
Das klingt nach Ausweichen. Ist es aber nicht. Der Grund ist die Immunseneszenz: das Immunsystem verändert sich mit den Jahren. Die Zahl der naiven T-Zellen, also der Zellen, die einen neuen Erreger noch nie gesehen haben, sinkt. Die Antikörperantwort fällt langsamer aus und hält kürzer an. Entzündungsprozesse laufen dagegen chronisch auf niedrigem Niveau weiter, was die Reaktion zusätzlich verzerrt.
Was das praktisch bedeutet, sehe ich jeden Winter in meiner Arbeit: Ein 35-Jähriger steckt eine Influenza weg wie einen schlechten Schnupfen. Ein 78-Jähriger mit derselben Influenza landet nicht selten auf Station. Nicht weil sein Immunsystem nichts tut, sondern weil es langsamer und weniger präzise reagiert.
Warum eine schwächere Wirkung trotzdem etwas bringt
Hier steckt der Denkfehler, über den ich am häufigsten stolpere. Viele lesen „die Impfung wirkt bei Älteren weniger gut“ und verstehen „die Impfung wirkt bei Älteren nicht“. Das ist der Unterschied zwischen 70 Prozent weniger Risiko und null Prozent. Und in absoluten Zahlen macht das bei einer älteren Person mit Vorerkrankungen sehr viel aus.
Genau das ist der Grund, warum ich bei der Frage „sinnvoll oder nicht“ selten ein hartes Nein höre. Die Empfehlungen der nationalen Impfkommissionen unterscheiden sich in Details, aber die Richtung ist in allen europäischen Ländern dieselbe: ja, mit altersgerechten Produkten.
Welche Impfungen sind wirklich sinnvoll – und welche nicht
Nicht jede Impfung ist für jeden Senior gleich relevant. Die Standardimpfungen und die Indikationsimpfungen folgen unterschiedlichen Logiken, und das wird in vielen Ratgebern verwischt.
Standardimpfungen, die für fast alle gelten
- Influenza – jährlich, im Herbst. Der wichtigste Einzeltermin.
- COVID-19 – Auffrischung nach aktueller Empfehlung, besonders bei Vorerkrankungen.
- Tetanus und Diphtherie – alle zehn Jahre, oft jahrzehntelang verschlampt.
- Pneumokokken – schützt vor einem Teil der Lungenentzündungen, nicht vor allen. Auch hier gilt: ein Teil ist mehr als keiner.
- Herpes zoster (Gürtelrose) – zwei Dosen. Die Schmerzen danach sind oft das, was Menschen am meisten fürchten, nicht der Ausschlag.
- RSV – für höhere Altersgruppen neu auf dem Markt und noch nicht überall selbstverständlich.
Keuchhusten wird am häufigsten vergessen
Keuchhusten ist die Impfung, die in meiner Sprechstunde fast nie jemand auf dem Schirm hat. Dabei ist er für Senioren gefährlich, weil die typischen heftigen Hustenanfälle bei Älteren ausbleiben können – dafür kommen Erschöpfung, Rippenbrüche und Lungenentzündung. Die Auffrischung ist einmalig, oft kombiniert mit Tetanus und Diphtherie.
Was ich dagegen nicht pauschal empfehlen kann: jede verfügbare Reiseimpfung für jede Person über 75. Hier lohnt die Einzelfrage, ob die Reise realistisch ist.
Wann eine Impfung nicht sinnvoll ist
Jetzt zum Teil, den Sie in kaum einem Ratgeber finden.
Es gibt Konstellationen, in denen ich selbst von einer Impfung abrate. Nicht oft, aber es gibt sie, und sie werden meist verschwiegen, weil das Thema politisch aufgeladen ist.
- Extreme Gebrechlichkeit oder terminale Erkrankung. Wenn der Aufwand einer Impfung die verbleibende Lebensqualität unmittelbar beeinträchtigt und der Nutzen realistisch nicht mehr zum Tragen kommt, ist das ein legitimer Grund abzuwarten oder zu verzichten.
- Schwere Immunsuppression durch bestimmte Therapien. Hier wirkt eine Totimpfung oft kaum, und manche Lebendimpfungen sind sogar unzulässig. Das ist keine Entscheidung für den Hausarzt allein, sondern gehört zum behandelnden Facharzt.
- Akute Erkrankung mit Fieber. Kein Drama, aber der Termin wandert.
Die mildere Frage: wann, nicht ob
Viel häufiger als ein echtes Nein ist die Frage: wann genau? Ich verschiebe Impfungen regelmäßig um zwei bis drei Wochen, weil jemand gerade eine Infektion durchmacht oder eine OP ansteht. Das ist keine Ablehnung, sondern Timing.
Was ist mit Nebenwirkungen bei Senioren?
Die häufigsten sind örtlich: Schmerz an der Einstichstelle, Rötung, ein oder zwei Tage Abgeschlagenheit und Fiebergefühl. Das ist eine Reaktion des Immunsystems, kein Zeichen, dass etwas schiefgelaufen ist. Schwerwiegende Ereignisse sind selten – ich habe in über einem Jahrzehnt genau zwei Fälle gesehen, die eine ärztliche Abklärung brauchten, und in beiden Fällen ging es gut aus.
Was ich nicht mehr mache: pauschal sagen „Sie merken kaum was“. Manche merken viel. Das vorher zu sagen erspart Enttäuschung.
Kosten und Erstattung: der Teil, der die Entscheidung oft still beeinflusst
Dieser Punkt taucht in kaum einer Diskussion auf, obwohl er praktisch oft den Ausschlag gibt.
In Deutschland übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Standardimpfungen, in der Regel als Sachleistung beim Hausarzt. In der Schweiz ist die Situation differenzierter: manche Impfungen laufen über die Grundversicherung, andere nicht, und bei einigen – RSV ist da ein Beispiel – müssen Sie mit Eigenanteil rechnen. Impfungen, die nicht offiziell empfohlen sind, kosten meist selbst.
Mein praktischer Rat: Fragen Sie die Krankenkasse vor dem Termin, nicht danach. Ein kurzer Anruf. Ich habe zu oft erlebt, dass jemand eine Rechnung in der Hand hält, die er nicht erwartet hatte, und daraus wird schnell Frust über das ganze Thema.
| Impfung | Empfohlen ab | Turnus | Typische Erstattung |
|---|---|---|---|
| Influenza | 60, teils früher bei Vorerkrankung | jährlich | meist vollständig |
| COVID-19 | nach aktueller Empfehlung | periodisch | meist vollständig |
| Pneumokokken | ab 60, sequenzielle Schemata | einmalig + Auffrischung | meist vollständig |
| Herpes zoster | ab 60 bzw. ab 50 bei Vorerkrankung | zwei Dosen | häufig vollständig, variiert |
| RSV | höhere Altersgruppen | einmalig oder periodisch | uneinheitlich, teils privat |
| Tetanus/Diphtherie/Keuchhusten | alle Erwachsenen, alle 10 Jahre | Auffrischung | meist vollständig |
Der Impfpass gehört nicht in die Schublade
Was mich am häufigsten überrascht: Wie viele Menschen über 65 einen Impfpass haben, dessen letzter Eintrag aus den 1980ern stammt.
Ich habe eine Zeit lang gedacht, das sei Nachlässigkeit. Ist es aber selten. Es ist einfach nie jemandem aufgefallen, weil der Hausarzt gewechselt hat, weil niemand danach gefragt hat, weil man irgendwann annahm, das Thema sei mit der Kindheit erledigt.
Wie Sie Ihren Status in 15 Minuten prüfen
- Impfpass heraussuchen. Falls nicht auffindbar: neue Dokumentation beim Hausarzt beginnen.
- Alle Einträge mit Datum abfotografieren.
- Beim nächsten Termin die Lücken ansprechen – gezielt fragen, welche Auffrischung fällig ist.
- Bei immunsuppressiver Therapie den behandelnden Facharzt einbeziehen.
Nur eine Auffrischung pro Termin. Das ist meine Regel. Zwei oder drei Spritzen gleichzeitig sind möglich und oft sinnvoll, aber wenn Sie eine schlechte Reaktion haben, wissen Sie nicht, welche es war. Ich habe mir das angewöhnt, nachdem eine Patientin nach einer Dreifachimpfung so reagierte, dass wir drei Wochen rätselten.
Die Entscheidung gehört Ihnen – aber bitte mit den richtigen Zahlen
Zurück zur Patientin aus dem Dezember. Sie hat im Herbst darauf geimpft – nicht alle, aber Grippe, Pneumokokken und die Gürtelrose-Auffrischung. Sie hat mir gesagt, der Ausschlag sei beim nächsten Mal Grund genug, es wieder zu tun.
Was mich an dieser ganzen Diskussion am meisten stört, ist nicht die Frage „sinnvoll oder nicht“. Es ist die Art, wie sie gestellt wird: als wäre es eine Grundsatzentscheidung für alle und für immer. Ist sie nicht. Sie ist eine Reihe kleiner, konkreter Entscheidungen, die von Ihrem Alter, Ihren Vorerkrankungen, Ihren Medikamenten und Ihrem Alltag abhängen.
Wenn Sie sich unsicher sind, machen Sie nicht die große Frage daraus. Machen Sie einen Termin, bringen Sie den Impfpass mit und stellen Sie genau eine Frage: Was bringt mir persönlich in den nächsten zwölf Monaten am meisten? Die Antwort darauf ist meistens klar, und sie ist selten die, die man vorher befürchtet hat.